kaempfer

GOGOLs TOTE SEELEN

Veröffentlicht in Gogol, Vera Bischitzky, deutsch von kaempfer am 8. März 2009

Vera Bischitzky zur Neuübersetzung der „Toten Seelen“


.… release me from my bands

With the help of your good hands:
Gentle breath of yours my sails
Must fill, or else my project fails,
Which was to please. Now I want
Spirits to enforce, Art to enchant;
And my ending is despair,
Unless I be reliev’d by prayer
Which pierces so, that it assaults
Mercy itself, and frees all faults.
As you from crimes would pardon’d be,
Let your indulgence set me free.
(W. Shakespeare, The Tempest)
Alle Welt ist unterwegs

Alle Welt ist in diesem Roman geschäftig und meist auch in Geschäften unterwegs: Tschitschikow mit seiner legendären gefederten Kalesche, gezogen von der Troika, deren Pferde uns schon dem Namen nach bekannt sind, vom Assessor bis zum listigen Schecken; die schwarzfüßige Pelageja auf Selifans Kutschbock; Nosdrjow mit dem Klapperkasten, der von mageren, langmähnigen Mietpferden vorwärtsgeschleppt wird, die Gouverneurstochter mit dem prachtvollen Sechsergespann; der Bauer mit seinem hochbeladenen Leiterwagen, wie er da in Pljuschkins Hof einfährt; Frau Korobotschka mit ihrem höchst sonderbaren Gefährt, das weder einem Reisewagen noch einer Kutsche oder einer Kalesche, sondern einer auf Räder gestellten bauchigen, dickwangigen Melone gleicht; der Feldjäger mit der Staatskarosse, dessen Troika im Donner und Staub der Landstraße verschwindet; Tschitschikows Vater mit dem kleinen Pawluscha in seinem kümmerlichen Bauernwagen, der Polizeimeister mit seiner Droschke, der Kaufmann, der versessen auf Traber ist, mit dem leichten Wagen, …

Sämtlich sind sie in Bewegung, endlos zieht die Karawane an uns vorüber, all die Equipagen, Kutschen, Reisewagen, Droschken, Fuhren, Bauernwagen, Kremser, Klapperkisten, Quietschkommoden… Und für jedes Gefährt muß das richtige deutsche Wort gefunden werden – was noch eine der verhältnismäßig leicht zu lösenden Herausforderungen an die Übersetzerin darstellt.

Rätsel um fremde, verlockende Speisen

Wie aber die vielen verlockenden Speisen wiedergeben, die den Protagonisten so verschwenderisch aufgetischt werden? Es ist ja ein doppelter Transfer vonnöten: aus einem Kulturkreis in einen anderen – schon schwer genug – und noch dazu aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ins einundzwanzigste… Viele der Gerichte und der anderen Realien sind auch dem heutigen russischen oder ukrainischen Leser nicht mehr vertraut, manche finden sich nicht einmal in historischen Kochbüchern…

Die „Melone“ der Frau Korobotschka ist„vollgestopft mit Säcken voller Brot, mit Kalatschi, Kokurki, Skorodumki und süßen Kringeln. Eine mit Hühnerfleisch gefüllte Pirogge und eine Pirogge-Rassolnik lugen sogar oben heraus.“ Ja, an der Verpflegung hat Gogol nicht gespart, denken wir nur an Sobakewitschs riesiges Stück Njanja, dieses berühmte Gericht, das zur Kohlsuppe serviert wird und das aus einem mit Buchweizengrütze, Hirn und Hammelfüßen gefüllten Hammelmagen besteht.“

Einige Slawisten vertreten die Ansicht, Gogol habe diese Speisenamen vor allem zum Zwecke der Ausschmückung seiner Sprache mit originell klingenden Wörtern verwendet. Sie sollten rätselhaft und geheimnisvoll klingen. Doch Gogol aß ja auch selber gern. Nur: wie, um Himmelswillen, findet man den treffenden Ausdruck im Deutschen, wo doch heute kaum noch ein Russe weiß, was das alles ist?

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